week 2 (c) pacific voices (156)

Auf und ab durch Wälder und berge

Während ich diese Zeilen schreibe, sitze ich unter großen Douglas-Tannen, deren gewaltige Stämme in die Höhe emporragen. Der Wald hier ist dicht und moosbewachsen. In verschiedensten Grüntönen schimmert die Natur um mich herum. Neben mir rauscht ein blauer, eiskalter Fluss, der uns heute schon als „Dusche“ gedient hat.

Wir haben uns vor ein paar Tagen entschlossen, den Weg in die Berge einzuschlagen und dem Oregon Cascades Vulcanic Arc (OCVA) Trail zu folgen. Diese Route führt uns östlich von Portland in tiefe Wälder und einige Berge, welche uns viele Höhermeter erklimmen lassen. Autos gibt es hier viel weniger, meist sind wir ganz alleine auf den Forststraßen, Waldpfaden oder asphaltierten wenig frequentierten Straßen unterwegs. Diese Art von Wildnis und Einsamkeit gefällt uns, besonders gerade jetzt am Anfang unserer Reise, wo wir noch unseren Rhythmus finden müssen und mit diesem neuen „Alltag“ vertraut werden möchten. Diese Route birgt aber natürlich auch einige Herausforderungen mit sich. Wir befinden uns viel weiter von der Zivilisation entfernt, es gibt zwar immer wieder Dörfer und auch Campingplätze (von denen sogar sehr viele, ganz viele jedoch sehr einfach – ohne Dusche, ohne Rezeption, nur ein Platz mit einem Tisch und evtl. einer Feuerstelle), jedoch müssen wir unsere Essenversorgung hier genau planen. Was gibt’s zum Frühstück und wieviel? Wie viele Müsliriegel darf ich heute essen, damit es sich bis zur nächsten Einkaufsmöglichkeit ausgeht? Reicht das Benzin für unsere Benzinkocher für die nächsten Kilometer bis zur nächsten Tankstelle? Man darf nicht vergessen, dass wir mit dem Fahrrad ja doch sehr langsam unterwegs sind. Im Notfall würden wir bestimmt Unterstützung von den Menschen bekommen, die uns zeitweise begegnen – aber wir möchten es ja auch gerne auf eigene Faust schaffen. Zu einer erfrischenden Limonade der Zeltnachbar:innen am Wildcamping-Spot sagen wir aber natürlich auch nicht nein 😉 (Gracias chicos!)

Eine weitere Erneuerung für uns ist, dass wir uns jetzt im Bären- und Puma-„Land“ („Bear- and Cougarcountry“ – wie es hier genannt wird) befinden. Etwas verunsichert haben wir uns also noch in Portland einen Bärencontainer (großen Hartplastikdose, die ein Bär nicht aufbekommt) und einen Bärenspray gekauft. Die Wahrscheinlichkeit, dass wir auf eines dieser Tiere stoßen, ist sehr gering, jedoch möchten wir besser vorbereitet sein und haben auch genauestens alle Verhaltensregeln diesbezüglich für diese Gegend hier gelesen. Für unseren Campingalltag heißt das: am Abend vor dem Schlafengehen alles Essbare im Bärcontainer verstauen und ca. 100 Meter vom Schlafplatz entfernt lagern und alles was stark riecht wie Zahnpasta, Sonnencreme, Labello nicht im Zelt lagern und ebenfalls bärensicher verstauen. Zusätzlich schlafen wir nicht direkt an dem Ort, an dem wir kochen oder essen. Ja, das ist alles ein bisschen Aufwand am Abend, aber better safe than sorry und falls kein Bär in der Nähe sein sollte, gegen kleine Nagetiere wie Streifenhörnchen ist unser Essen somit auch geschützt.

Und unser Essen ist uns heilig hier. Wir radeln wirklich viele Höhenmeter, es gibt Tage an denen wir bis zu 1.400 Höhenmeter bergauf strampeln, da brauchen wir natürlich einiges an Kalorien, um dafür genug Energie zu haben. Wenn uns letztens jemand beim Bergauf-fahren beobachtet hätte, hätte diese Person wahrscheinlich nur den Kopf schütteln können. Zwei schwitzende Gestalten mit schwer beladenen Rädern die singend und laut Geräusche machend eine Schotterpiste bergauf bezwingen. Wir wollten extra laut sein und auf uns aufmerksam machen, da wir plötzlich im Dickicht eine etwas zu große Katze gesehen hatten. Paul meinte etwas alarmiert: „Hast du das gesehen? Hier gibt es keine großen Katzen!“ Wir gehen davon aus, dass es ein Baby-Puma oder ähnliches war, das Tier war auch gleich wieder weg. Normalerweise greifen sie keine Menschen an, vor allem nicht, wenn diese lautstark auf sich aufmerksam machen und sich sehr groß machen. Das bedeutete für uns, wir versuchen uns noch größer auf unseren Rädern zu machen und gleichzeitig lautstark zu singen – das hat den Aufstieg nicht unbedingt erleichtert.

Die Landschaft hier ist grün und dicht, wenn sie nicht verbrannt ist. Die ersten Tage sind wir viele, viele Kilometer durch abgebrannte Wälder geradelt. Vor rund 7 Jahren gab es hier in dieser Region in Oregon riesige Waldbrände, die große Flächen verwüstet haben. Sogar einige Jahre später hat sich die Natur hier von noch lange nicht erholt. An einige Stellen wachsen zwar wieder Büsche und Gras und an manchen Stellen säumen violette Blumen die verbrannte Landschaft. Viele der verbrannten und toten Baumstämme stehen allerdings noch und fallen nur langsam um. Viele Hinweisschilder machen uns auf die davon ausgehende Gefahr aufmerksam.

Während auch in Europa gerade wieder viele Waldbrände wüten, ist auch hier dieses Jahr alles viel zu trocken und die Waldbrandgefahr hoch. Im Bundesstaat Oregon, in dem wir uns gerade aufhalten toben derzeit auch zig Feuer, zu unserem Glück nicht auf unserer Route. Der Schaden für Natur, Menschen und Tiere ist aber unvorstellbar… Bedrückend ist auch der Rauch, der uns in den letzten Tagen ein paar Mal erwischt hat und die ganze Landschaft in eine Art Dunst einhüllt.

Was uns besonders belebt und ermutigt weiter zu radeln, sind die kühlen Erfrischungen in Bächen und Flüssen. Auch die Tatsache, dass wir hier mit unserem Wasserfilter sehr leicht zu Trinkwasser kommen, ist äußerst bequem. So herrlich, wenn man jeden Abend die Möglichkeit hat sich in einem Bach zu waschen und frisch ins Zelt zu kriechen – der kleine Luxus im Radleben.

Ein paar Tage später: Nach ein paar Tagen auf dem OCVA Trail können wir heute feiern, dass wir ihn geschafft haben… Der krönende Abschluss war der Crater Lake, der tiefste See der USA, der auf 2.400 Höhenmeter liegt. Der Anstieg ließ uns ins Schwitzen kommen, die Aussicht war allerdings alle Mühen wert. Und die 30km lange Abfahrt ebenfalls 😉 Wir sind nun in Klamath Falls angekommen, haben die ersten 1.000 Kilometer im Sattel hinter uns und gönnen uns morgen einen Pausetage, bevor es ab nach Kalifornien geht.

Da ich gerade das Buch von John von Düffel „Das Wenige und das Wesentliche“ als zweiten Reisepartner dabeihabe (Danke Laura!), hier noch ein Zitat von ihm, welches mich gedanklich die letzten Kilometer begleitet hat: „Wenn es wesentlich ist, ist wenig genug. Das Maß dafür, wie viel genug ist, bin ich selbst. […] Wenn ich weiß, was mir genügt, weiß ich, wer ich bin.“

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