usa week 6,7 (c) pacific voices (43)

Zwischen Geben und Nehmen

Vor rund eineinhalb Monaten haben wir unsere Wohnung gegen das Zelt getauscht, den Bürosessel gegen den Fahrradsattel und die Stadt gegen die Natur. Seit Mitte Juli sind wir mit den Rädern unterwegs und leben quasi in der draußen. Fast jeden Abend schlafen wir im Zelt, der magische Sternenhimmel über uns, nur die dünne Zeltwand trennt uns von der Außenwelt – ein Hauch von Nichts, und trotzdem kommt das Gefühl eines Schlafzimmers auf. Ich (Alina) spüre, wie gut es mir tut so viel Zeit draußen zu verbringen, im Wald, in der Natur, zwischen Bäumen. Ich lerne unser Ökosystem anders wahrzunehmen. Als Radfahrerin bin ich leise, mache fast keine Geräusche, dadurch kann ich der Flora und Fauna hier näher sein. Wir sind den Elementen komplett ausgesetzt, was derzeit bedeutet, dass wir besonders Hitze, den Wind und die Sonne spüren. An manchen Tagen hatten wir dermaßen heißen Gegenwind, als würde uns jemand mit einem Haar-Fön direkt ins Gesicht blasen.

Sobald wir Rast machen, ich in der Hängematte liege und meinen Blick nach oben in die großen Baumkronen gleiten lasse, wird mir die Immensität der Natur um mich bewusst. Wenn ich innehalte und meinen Blick durch den Wald streifen lasse, kann ich Tiere entdecken: Vögel, Streifenhörnchen, Eichhörnchen, die manchmal neugierig näherkommen, um dann wieder so schnell wie möglich zu verschwinden.

Während wir in den letzten Tagen durch die heiße Hochwüste Kaliforniens geradelt sind, bin ich noch lange in Gedanken den Gesprächen mit Stammesmitgliedern und Umweltaktivist:innen, die wir auf der Route kennenlernen durften (siehe Blogpost „Der Wasserkreislauf“), nachgehangen. Besonders das Konzept der Reziprozität – also des Gebens und Nehmens hat sich tief in meine Gedankenwelt eingebrannt. 

usa week 5 (c) pacific voices (26)

Wir als Teil des Ganzen

Einer der Stammesältesten des Kootzaduka’a Stammes (1) am Mono Lake erklärt uns dieses Konzept, in dem man nichts der Natur wegnimmt, ohne ihr auch etwas zu geben. „Wir dominieren die Natur nicht, sondern leben gemeinsam mit ihr. Wir sind Teil von ihr.“

Im Grunde geht es darum, die Natur nicht als eine Ressource zu sehen, die wir ausbeuten können, sondern als einen Lebensraum, der gibt und dem wir aber auch geben sollten. Reziprozität bedeutet Gegenseitigkeit oder Wechselseitigkeit im Austausch, bei der Handlungen einer Person in gleicher Weise erwidert werden, was Vertrauen und Kooperation fördert. In den Sozialwissenschaften wird es als ein universelles soziales Prinzip angesehen. Menschen sind voneinander abhängig und durch Gegenseitigkeit entstehen Beziehungen und gegenseitiges Vertrauen. (2) In indigenen Lehren wird in dieses Prinzip auch auf die Natur ausgedehnt.

Während ich in der Hängematte liege, begleitet und fasziniert mich das Buch „Geflochtenes Süßgras“ (absolute Leseempfehlung hier!) von Robin Wall Kimmerer, Wissenschaftlerin und Mitglied des Potawatomi Stammes (ein indigenes Volk im Norden der USA (3)). Sie unterstreicht in ihrem Buch die Wichtigkeit des Gebens und Nehmens für ihren Stamm und ihre Denkweise. Die Botanikerin beschreibt, dass viele indigene Gemeinschaften auf dem Prinzip der Reziprozität aufgebaut sind. In ihrer Stammestradition wird der Natur nicht einfach nur weggenommen und sie als endlose Ressource angesehen, sondern Mensch und Natur leben in Symbiose und ergänzen sich.

Laut den Vereinten Nationen sind Indigene Völker Gemeinschaften, die sich in ihrer Lebensweise, Kultur und ihren Traditionen von der Mehrheitsgesellschaft unterscheiden. Hierbei ist die Selbstidentifikation wichtig, das heißt sie sehen sich als Teil einer indigenen Gemeinschaft und werden von dieser anerkannt. Häufig haben sie eine besondere historische und enge Beziehung zu Land und Natur. Eigene Sprachen und Traditionen sowie eigene politische und wirtschaftliche Strukturen für dessen Erhalt sich viele Völker einsetzen, zählen ebenfalls zu den Merkmalen von indigenen Gemeinschaften. (4)

 

Wenn wir an indigene Gemeinschaften denken, fallen uns wahrscheinlich schnell Völker im Amazonas oder in den Hochebenen Boliviens ein, laut UNESCO wird jedoch geschätzt, dass rund 370-500 Millionen indigene Personen in rund 90 Staaten weltweit leben, sie nutzen rund 22% der Erde (5). Sie beschützen das Ökosystem, sie kämpfen für Erhalt ihrer Lebensräume und setzen sich somit aktiv für Klimaschutz für uns alle ein. (6) Trotz ihrer kulturellen Unterschiede teilen viele indigene Gemeinschaften ähnliche Herausforderungen, da sie Menschenrechtsverletzungen, Landraub und Ausgrenzung ausgesetzt sind. Für viele ist das Land die erste Ressource und ihre Lebensgrundlage, und diese wird ihnen häufig aufgrund von Kolonialismus und Kapitalismus entzogen. (7)

usa week 5 (c) pacific voices (50)

Ein Mitglied des Bishop Paiute Stammes haben wir in der Kleinstadt Bishop kennengelernt. Er arbeitet im Tribal Office, welches sich im Bishop Paiute Reservat befindet und hat uns an einem Nachmittag diesen Ort und das Kulturzentrum/Museum seines Stammes gezeigt. Er beschreibt den Eingriff auf Land und Wasser für seine Gemeinschaft folgendermaßen: „Sie [Anm.: Regierung] behandelten unseren Stamm, als müssten sie uns alles beibringen und uns „erziehen“ – aber was wollen sie uns lehren? Wir haben uns jahrelang um Wälder und Land gekümmert. Wir geben, bevor wir nehmen, so konnten wir das Gleichgewicht in der Natur aufrechterhalten. Wir respektieren unsere Erde, weil wir gelernt haben, dass man die Person, die einem das Leben geschenkt hat, respektiert. Heute ist dieser Respekt verloren gegangen.“

Mit kommt es fast absurd vor, hier im Paradies des Kapitalismus und der sechsspurigen Autobahnen von diesem Konzept zu hören. Die Erde und ihre Ressourcen zu respektieren und nur so viel zu nehmen, wie wir wirklich brauchen, scheint mir meilenweit vom heutigen Lebensstil der Menschheit entfernt. Der Natur nur das zu nehmen, was sie gerade geben kann, um regenerativ zu bleiben, kommt mir fast romantisch und nahezu unmöglich in unserer heutigen Welt vor.  Besonders hier, im Süden Kaliforniens angekommen, stehen die großen Villen und Strandhäuser besonders eng und die Rasen und Golfterrains wollen mit viel Wasser grün gehalten werden. Bewässert mit Wasser, welches zu einem Teil vom Mono Lake kommt. Es scheint mir fast unwirklich, dass wir dieses Gebiet erst vor ein paar Tagen durchgequert haben, bevor uns unser Weg durch die extrem trockene Hochwüste (knapp an Death Valley vorbei) an die Pazifikküste gebracht hat. Plötzlich atmen wir feuchte, salzhaltige Luft und erfrischen uns im Ozean.

Die Erde hat uns in den letzten Wochen viel geschenkt – Zeltplätze, Duschen, Wasser. Auch die Gastfreundschaft der Menschen, die wir bis jetzt erleben durften, lässt mich immer wieder erneut staunen. Wir sind unglaublich dankbar für alle Geschenke wie Schlafplätze, aufgefüllte Wasserflaschen, Müsliriegel oder Kaffees, die wir bereits annehmen durften.

Und immer häufiger stelle ich mir die Frage, was können wir der Natur und den Menschen als Dank zurückgeben? 

Leave a Comment

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert