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Grenzen

Mexiko – 20 Sept 2026

Bienvendios a México!

Mittlerweile sind wir in Mexiko angekommen. Wir haben in den letzten zwei Monaten rund 3.000 km mit dem Fahrrad zurückgelegt und sind durch die Bundesstaaten Washington, Oregon und Kalifornien in den USA bis nach Baja California in Mexiko geradelt. Wir haben uns für den Grenzübergang in Tecate entschieden, der viel weniger frequentiert ist, als der große Grenzübergang weiter westlich in Tijuana. Die Einreise war unspektakulär und einfach. Wir sind nach den Grenzformalitäten einfach nach Mexiko reinspaziert. Die 10-Meter hohe mit Stacheldraht gesicherte Mauer, welche die USA von Mexiko trennt, ließ uns allerdings sprachlos und schockiert zurück. Dieser hochgesicherte Stahlzaun zieht sich über 1.200 km der 3.200 km langen Grenzen der zwei Staaten. USA versucht seit Jahrzehnten (seit 1994 von allen Präsidenten weitergebaut) kontinuierlich die Mauer zu verlängern, damit sie einmal die gesamte Landesgrenze absichert. Diese Konstruktion kostet nicht nur Milliarden US-Dollar, sie ist auch eine Gefährdung für Menschen, Tiere, Biodiversität, Natur und Land von Native-Americans. (1) Es ist ein weiterer Akt der aggressiven und Grenz- und Einwanderungspolitik der Vereinigten Staaten. (2)

An der Grenze stehen sehen wir die lange Schlange an Autos und Menschen, die in die USA einreisen möchten. Die Einreise nach Mexiko verläuft meist schnell und unkompliziert, in die andere Richtung dauert es um ein Vielfaches länger. Eine Grenze, die uns erneut zeigt, wie unterschiedliche Rechte Menschen haben. Jedes Mal, wenn ich eine Grenze überquere, werde ich mir wieder mal meines goldenen Reisepasses und meiner Privilegien bewusst. Sei es eine Einreise in die EU, Einreise in die USA oder sonstige Reisen, die ich bereits tätigen durfte. Dieses Gefühl hinterlässt bei mir immer einen bitteren Nachgeschmack, der nach Ungerechtigkeit und Ungleichheit schmeckt. Und gleichzeitig kommt das Gefühl auf, aus meinen Privilegien mehr herausholen zu wollen, um diese Ungerechtigkeiten zu bekämpfen.

 

Das Überqueren dieser bestimmten Grenze hat sich für mich auch landschaftlich gezeigt. Wir verließen die gut bewässerten grasgrünen Rasen und mit Palmen gesäumten Boulevards von San Diego, um uns in einer kargen, kahlen Wüste auf der mexikanischen Seite wiederzufinden. Das Wasser hier wird nicht einfach genutzt, um Rasen in der Wüste grün zu halten. Statt Rasen gibt es hier Sand und Steine. Die Architektur der Häuser unterscheidet sich stark und auch das Angebot an Street Food lässt einen gleich merken, dass man nun in Mexiko angekommen ist. 

 

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Dieses Land hat uns mit offenen Armen und Gastfreundschaft empfangen. Gleich am ersten Abend durften wir bei Warmshowers-Hosts übernachten, die uns leckeres mexikanisches Abendessen und Frühstück servierten.

 

Die Hitze hat uns weiterhin fest im Griff. Die Menschen hier in Baja California erzählen uns, dass es jedes Jahr heißer wird und besonders dieses Jahr ein sehr warmes Jahr ist. Wir befinden uns hier in einer Wüste, in der Niederschlag sehr selten vorkommt. Nichtsdestotrotz, auch wenn die Menschen die heißen Temperaturen gewöhnt sein mögen, stöhnen sie derzeit unter der Hitze. Es ist bereits Mitte September und sie hat fast noch nicht nachgelassen. Bei über 40° Celsius zu radeln mag verrückt wirken. Für uns ist es hier allerdings ein persönliches Abenteuer, welches wir jederzeit anpassen können und bei dem wir uns in ein klimatisiertes Hotelzimmer zurückziehen können, wenn wir es brauchen. Die Menschen, die hier arbeiten, vor allem jene die draußen am Feld, am Bau oder in einem anderen nicht-klimatisiertes Umfeld tätig sind, haben diese Möglichkeit nicht. Wir beobachten, wie Erntearbeiter:innen um halb vier Uhr morgens zur Arbeit aufbrechen, um die gröbste Hitze zu meiden. Viele der Häuser hier haben keine Klimaanlage und man kann der Hitze nicht entkommen. Wieder einmal mehr zeigt es uns, wie wichtig es ist, bei der Klimakrise alle Menschen global mitzudenken, da besonders vulnerable Gruppen die Auswirkungen der Krise am stärksten spüren. 

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Nicht jeden Kilometer mit dem Rad fahren zu müssen, sondern auch auf andere Transportmittel umzusteigen, wenn es nötig ist, haben wir uns von Anfang an geschworen. Den Schritt dann tatsächlich umzusetzen und sich einzugestehen, dass die Bergstraße zu eng und zu gefährlich ist, um mit dem Rad zu fahren oder die Hitze so unerträglich ist, dass hitchhiken die bessere Option ist, fiel mir dann doch nicht so leicht. Warum? Es ist ja kein Aufgeben, es ist die Vorsicht walten lassen. Wir müssen niemandem etwas beweisen. Ich muss niemandem etwas beweisen. Oder doch? Wem will ich hier etwas beweisen? Mir selbst? Wenn juckt’s, ob wir uns einige KM mit dem Auto mitnehmen lassen. Niemanden, außer mich selbst ein wenig!

Trotzdem, die Entscheidung war gefällt und die Hitchhiking-Suche mit Fahrrad ist tatsächlich leichter als man denkt, vor allem in Gegenden, wo viele Menschen einen Pick-Up haben. Fakt ist, wenn man  zeigt, dass man auf Hilfe angewiesen ist, kommt sie daher. Bereits jetzt zeigen mir viele Begegnungen auf dieser Reise, dass Menschen einen gerne unterstützen, wenn sie können. Dieses Gefühl, dieses Vertrauen in die Menschheit zu haben ist schön, vielleicht mag es naiv klingen, vielleicht ist es in manchen Fällen auch naiv, aber mir wurde es schon so oft bewiesen, dass hier Draußen Gutes ist.

Diese Reise ist nicht nur übers Radfahren, vielleicht ist das Radfahren sogar nur ein kleiner Teil davon. Reisebegegnungen wie Menschen, die uns im Auto mitnahmen, uns in ihre Häuser einluden oder mit uns in Gespräch kamen, zeigen mir, dass es um so viel mehr geht, es geht um ins Kontakt treten. Ins Kontakt treten mit Menschen, mit Natur, mit dem Umfeld. Und es geht um Mut und Freiheit – beides zu spüren, zu fühlen. Den Mut aufzubrechen und Neues zu wagen, um dabei diese Freiheit zu spüren.

 

Dieses Gefühl, wenn die Sonne auf die Haut brennt, der Fahrtwind die Haare zerzaust und Schweiß von der Stirn tropft. Es geht um dieses Gefühl des Einssein mit der Natur, des sich Anpassen-Müssens, das Klein-Sein – wir nehmen uns doch alle immer viel zu wichtig. Und es geht ums Wenige – ums Wesentliche – sich zu fragen, was brauche ich wirklich? Was macht mich lebendig? Wo spüre ich mich? Wo muss ich Grenzen überwinden, um mir selbst näher zu kommen?

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