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Eine Lektion in Sachen Gleichgewicht

10. Oktober 2026 → Mexiko – Baja California Sur und Ankunft auf dem mexikanischen Festland

Es hat durchaus etwas Akrobatisches, einen Kontinent mit dem Fahrrad zu durchqueren. Wenn man darüber nachdenkt, bewegen wir uns auf einem gerade einmal drei Zentimeter breiten Streifen, der nur deshalb aufrecht bleibt, weil wir den Mut haben, weiterzufahren. Wir umklammern den Lenker wie eine Akrobatin ihre Balancierstange und kämpfen in jedem Augenblick gegen den Sturz. Denn eines ist klar: Ein Stein, ein Schlagloch oder eine heftige Windböe könnten genügen, und schon liegen wir am Boden.

Während wir uns darauf konzentrieren, diese schmale Gratwanderung zu beherrschen und den Blick mit beiden Augen auf die Straße richten, kommt es dennoch vor, dass wir den Kopf heben und die Landschaft betrachten: eine Welt, die sich mit jedem Breitengrad verändert.

Wie ihr vielleicht wisst, ist es oft schwierig, die Auswirkungen des Klimawandels kurzfristig wahrzunehmen. Häufig fragen wir ältere Menschen, wie es war, als sie jung waren. Gab es im Sommer Hitzewellen? Wie viele Tage mit Schnee gab es im Winter? Die Antworten beruhen zwangsläufig auf Erinnerungen und persönlichen Empfindungen, die mitunter trügerisch sein können – so funktioniert das menschliche Gedächtnis.

Als Wissenschaftler:in kann man hingegen die Entwicklung der durchschnittlichen Temperaturen über die vergangenen Jahrzehnte betrachten und feststellen, dass sich die jährliche Durchschnittstemperatur in Frankreich seit 1990 um etwa 2 °C erhöht hat [1]. Es fällt schwer, die Bedeutung einer scheinbar so kleinen Veränderung zu erfassen, obwohl wir alle – oder Menschen, die uns nahestehen – ihre Folgen bereits spüren.

Wie können wir also die Konsequenzen dieser Veränderung wirklich begreifen und fühlen, um dieses Bewusstsein in den Willen zu verwandeln, für eine bessere Welt zu kämpfen?

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Ich möchte euch daher eine andere Perspektive vorschlagen – eine, die auf unserem eigenen Abenteuer beruht.

Auf besonders eindrückliche Weise lässt uns diese Reise eine bedeutende kurzfristige Klimaanomalie erleben, die für die Pazifikregion charakteristisch ist. Am 11. Juni 2026 kündigte die National Oceanic and Atmospheric Administration (NOAA) das Auftreten eines extremen El-Niño-Ereignisses im Pazifischen Ozean an.

Aber was genau ist El Niño?

El Niño gehört zu den größten natürlichen Störungen, die das Klimasystem der Erde beeinflussen – und das will etwas heißen. Wichtig ist dabei: El Niño ist ein natürliches Phänomen, das unabhängig von der vom Menschen verursachten globalen Erwärmung durch Treibhausgasemissionen auftritt. Allerdings findet dieses natürliche Phänomen heute vor dem Hintergrund einer bereits stark erwärmten Erde statt. Beide Prozesse überlagern sich und können dadurch bestimmte Extremereignisse wie Überschwemmungen, Dürren oder tropische Wirbelstürme zusätzlich verstärken.

Eine der wichtigsten Ursachen von El Niño ist die ungewöhnliche Erwärmung der Oberflächengewässer des Pazifiks. Dadurch verändern sich die atmosphärischen Zirkulationsmuster und damit auch die klimatischen Bedingungen in der Region, unter anderem die sogenannte Walker-Zirkulation [2][5].

Zurück zu unserer Fahrradreise: Unsere eigene Realität hat sich mit der Realität der Menschen gekreuzt, die hier leben. Und wir haben einige dieser Auswirkungen mit eigenen Augen gesehen und am eigenen Körper erfahren. Eine der auffälligsten Folgen, die mit El Niño verbunden sind, ist ein vorübergehender Anstieg des Meeresspiegels [3]. Die wunderschönen Strände des Golfs von Kalifornien, die für den Tourismus intensiv erschlossen wurden, standen teilweise unter Wasser. An vielen Orten mussten wir, um überhaupt zum Strand zu gelangen, durch das Wasser waten. Von unseren Fahrradsätteln aus sahen wir erst kürzlich verlassene Ferienanlagen, die nur noch wenige Zentimeter über dem Wasserspiegel lagen – und an manchen Stellen scheinbar bereits darunter.

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Nehmen wir Ensenada als Beispiel, die mexikanische Hafenstadt südlich von San Diego, die normalerweise aufgrund der kühlenden Wirkung des Pazifiks für ihr angenehmes Klima bekannt ist. Während unseres Aufenthalts jedoch beschrieben die Einheimischen die Hitze als unerträglich und für den Monat September als beispiellos. Unser Gastgeber Xavier, der seit mehreren Jahren dort lebt, machte sich ernsthafte Sorgen.

In La Paz erlebten wir die Vorbereitungen auf den Hurrikan Polo. Sämtliche Schulen und öffentlichen Einrichtungen wurden für beinahe eine Woche geschlossen. Der Hurrikan forderte fünf Todesopfer und verursachte erhebliche Schäden an der Verkehrsinfrastruktur – unter anderem an Teilen der Straße durch Baja California, die wir nur wenige Tage zuvor selbst befahren hatten.

Wir wiederum fanden Zuflucht bei einer französisch-mexikanischen Familie, die uns während des Sturms bei sich aufnahm. Wir mussten Lebensmittel und Wasservorräte anlegen, für den Fall eines Stromausfalls. Denn ohne Strom funktionieren auch die Pumpen nicht, die das Wasser für Duschen, Toiletten und zum Trinken bereitstellen. Ein zweiter Hurrikan, Rachel, der auf Polo folgte, zwang uns schließlich dazu, unsere Überfahrt auf das mexikanische Festland mit dem Schiff zu verschieben.

Und nun bewegt sich bereits ein dritter Sturm, Simon, direkt auf uns zu. Für seinen Durchzug bei Sayulita, dem Ort, der uns eigentlich derzeit beherbergen sollte, wird eine Stärke der Kategorie 4 erwartet. Aufgrund dieser Hurrikanwarnung haben wir die Route geändert und unsere Ankuft in Sayulita verschoben.

Dass sich innerhalb von kaum zwei Wochen derart viele tropische Stürme entwickeln, ist für diese Region äußerst ungewöhnlich. Für uns zeigt sich darin auf eindrückliche Weise, wie sich natürliche Klimaschwankungen und eine sich erwärmende Erde überlagern und die Auswirkungen extremer Wetterereignisse verschärfen können.

Diese zusätzliche Ebene klimatischer Ungewissheit ist für mich zu einer weiteren Form der Unsicherheit geworden – zusätzlich zur physischen Herausforderung dieser Reise und zu den Schwierigkeiten, die ohnehin mit dieser Region verbunden sind. Als ich von zu Hause aufbrach, hätte ich niemals gedacht, dass ich täglich die Zugbahnen tropischer Wirbelstürme verfolgen müsste, um zu entscheiden, welche Route wir überhaupt nehmen können. Während ich diese letzten Zeilen schreibe, haben wir die Küste verlassen und uns mit einem Transportmittel in Richtung Berge, in die Stadt Tepic, begeben. Es war die richtige Entscheidung: Einige Küstenorte mussten bereits am Vorabend vorsorglich evakuiert werden.

In gewisser Weise gibt uns El Niño einen Vorgeschmack auf eine mögliche Zukunft – auf das, was in 30 oder vielleicht 50 Jahren zunehmend zur Normalität werden könnte. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass große Teile der Strecke, die wir heute zurücklegen, in einigen Jahrzehnten teilweise aufgegeben sein könnten, weil die klimatischen Bedingungen das Leben dort immer schwieriger oder sogar unmöglich machen.

Zu erleben, dass eine solche Zukunft innerhalb meiner eigenen Lebenszeit möglich werden könnte, erscheint mir surreal. Und doch berücksichtigen Klimamodelle zunehmend die Möglichkeit von Kipppunkten und sich selbst verstärkenden Rückkopplungen innerhalb des Erdsystems [4].

Das bedeutet nicht, dass eine unaufhaltsame, globale Klimakatastrophe unausweichlich bevorsteht. Es bedeutet jedoch, dass das Klimasystem Schwellenwerte besitzt, nach deren Überschreitung bestimmte Veränderungen auf menschlichen Zeitskalen nur noch sehr schwer oder überhaupt nicht mehr rückgängig zu machen sein könnten. Ich werde nach Europa zurückkehren und diese Erfahrung mit mir tragen – in meinem Gepäck und in meinem eigenen Körper – ebenso wie den erneuerten Willen, mich auf diesem schmalen Grat zu bewegen, der uns herausfordert, wachrüttelt und dazu bringt, unser Bewusstsein für die Klimakrise zu schärfen und andere zu motivieren, aktiv zu werden.

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Eine kleine Anmerkung

Ich möchte euch einladen, euch über die Spendenaktion von Südwind im Rahmen unseres Projekts Pacific Voices zu informieren. Eure Spende kommt direkt einer Menschenrechtsorganisation zugute, die europäische Projekte zu Klimagerechtigkeit und zum Schutz der Ökosysteme unseres Planeten unterstützt.

Spendenlink Südwind:
https://www.suedwind.at/pacific-voices/

Quellen und Referenzen

  1. Walker-Zirkulation:
    https://en.wikipedia.org/wiki/Walker_circulation
  2. Entwicklung der jährlichen Durchschnittstemperatur in Frankreich seit 1990:
    https://www.statistiques.developpement-durable.gouv.fr/edition-numerique/chiffres-cles-du-climat/fr/3-observations-du-changement-climatique-et
  3. El Niño und Veränderungen des Meeresspiegels:
    https://science.nasa.gov/earth/earth-observatory/el-nino-is-underway/
  4. Klimatische Kipppunkte und abrupte Veränderungen: IPCC, AR6 Synthesis Report, S. 84:
    https://www.ipcc.ch/report/ar6/syr/downloads/report/IPCC_AR6_SYR_LongerReport.pdf
  5. El Niño–Südliche Oszillation:
    https://en.wikipedia.org/wiki/El_Ni%C3%B1o%E2%80%93Southern_Oscillation

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